Fatigue gehört zu den häufigsten und belastendsten Symptomen bei Multipler Sklerose. Sie ist weit mehr als gewöhnliche Müdigkeit: Betroffene erleben einen ausgeprägten Mangel an körperlicher oder geistiger Energie, der den Alltag, die berufliche Leistungsfähigkeit und die soziale Teilhabe erheblich beeinträchtigen kann. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass regelmäßige Bewegung und insbesondere ein angepasstes Ausdauertraining dazu beitragen können, die Fatigue positiv zu beeinflussen.

Fatigue ist nicht gleich Müdigkeit

Normale Müdigkeit entsteht meist nach einem langen Tag, körperlicher Anstrengung oder zu wenig Schlaf. Sie bessert sich in der Regel durch Ruhe oder Schlaf. Bei einer MS-bedingten Fatigue steht die Stärke der Erschöpfung dagegen häufig nicht im Verhältnis zur vorausgegangenen Belastung. Auch eine längere Ruhepause führt nicht zwangsläufig zu einer vollständigen Erholung.

Grundsätzlich lassen sich zwei Formen unterscheiden, die einzeln oder gemeinsam auftreten können:

Körperliche Fatigue

Bei der körperlichen Fatigue nimmt die motorische Leistungsfähigkeit im Verlauf einer Tätigkeit deutlich ab. Bewegungen werden langsamer, das Gehen fällt zunehmend schwer und alltägliche Handlungen kosten mehr Kraft. Diese Form kann deshalb auch für andere Menschen sichtbar werden.

Geistige Fatigue

Die geistige oder kognitive Fatigue ist von außen meist nicht zu erkennen. Betroffene beschreiben sie häufig als mentale Erschöpfung, nachlassende Konzentration, verlangsamtes Denken oder Schwierigkeiten beim Verarbeiten von Informationen.

Fatigue ist jedoch kein einheitliches Symptom mit nur einer Ursache. Entzündungsvorgänge, Veränderungen in neuronalen Netzwerken, Störungen der Signalübertragung, psychische Belastungen, Schlafprobleme, Schmerzen, Spastik und körperliche Inaktivität können sich gegenseitig beeinflussen. Deshalb spricht die Forschung heute von einem multifaktoriellen Geschehen.

Warum Medikamente allein häufig nicht ausreichen

Für die Behandlung der MS-bedingten Fatigue stehen verschiedene medikamentöse Möglichkeiten zur Verfügung. Ihre Wirkung ist jedoch nicht bei allen Menschen zuverlässig. Eine medikamentöse Behandlung sollte deshalb individuell, fachärztlich begleitet und regelmäßig auf Wirksamkeit und Verträglichkeit überprüft werden.

Nichtmedikamentöse Ansätze besitzen daher einen hohen Stellenwert. Dazu gehören unter anderem Energiemanagement, die Behandlung von Schlafproblemen, psychologische Verfahren und vor allem regelmäßige körperliche Aktivität.

Was sagt die Forschung über Sport bei Fatigue?

Die wissenschaftliche Gesamtlage ist ermutigend. Eine Übersichtsarbeit wertete 36 Studien mit insgesamt 1.603 Teilnehmenden quantitativ aus. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Bewegung Fatigue reduzieren kann. Besonders vielversprechend waren Ausdauertraining, kombinierte Ausdauer-Kraft-Programme und weitere Bewegungsformen wie Yoga oder Tai-Chi. Gleichzeitig weisen die Forschenden darauf hin, dass einige Studien klein waren und sich in Trainingsform, Dauer und Fatigue-Messung unterschieden.

Auch die derzeit umfassendste Übersicht bestätigt den Nutzen: Eine 2026 veröffentlichte Umbrella-Analyse fasste 35 systematische Reviews und Metaanalysen zusammen. Strukturierte Trainingsprogramme waren mit einer kleinen bis moderaten Verringerung der selbst berichteten Fatigue verbunden. Besonders konsistente Ergebnisse fanden sich für das Herz-Kreislauf- beziehungsweise Ausdauertraining.

Warum kann Herz-Kreislauf-Training die Fatigue verbessern?

Die Wirkung lässt sich vermutlich nicht durch einen einzigen Mechanismus erklären. Mehrere körperliche und psychologische Anpassungen greifen ineinander.

  1. Der Körper kann Sauerstoff besser aufnehmen und nutzen

Beim Ausdauertraining steigt wiederholt der Sauerstoffbedarf der arbeitenden Muskulatur. Der Organismus reagiert langfristig mit Anpassungen des Herz-Kreislauf-Systems. Das Herz kann pro Schlag mehr Blut transportieren, die Durchblutung der Muskulatur verbessert sich und die Fähigkeit der Muskeln, Sauerstoff für die Energiegewinnung zu nutzen, kann zunehmen.

Dadurch muss der Körper bei einer vergleichbaren Alltagsbelastung einen geringeren Anteil seiner maximalen Leistungsfähigkeit einsetzen. Eine Treppe, ein Spaziergang oder der Weg zum Einkaufen können sich weniger anstrengend anfühlen. Die Erschöpfungsgrenze wird gewissermaßen nach hinten verschoben.

Wissenschaftlich wichtig ist jedoch eine Differenzierung: Eine verbesserte Sauerstoffaufnahme ist ein plausibler Teil der Erklärung, aber bislang nicht als alleiniger Wirkmechanismus der Fatigue-Reduktion belegt. Eine zusammengefasste Analyse zweier randomisierter Studien fand beispielsweise keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme und einer Verbesserung der Fatigue. Menschen können sich also weniger erschöpft fühlen, auch wenn sich ihre gemessene Sauerstoffaufnahme nur wenig verändert.

Der häufig verwendete Satz „Mehr Sauerstoff beseitigt die Fatigue“ wäre daher zu einfach. Treffender ist: Ausdauertraining verbessert die Leistungsfähigkeit und Effizienz des gesamten Systems aus Herz, Kreislauf, Atmung und Muskulatur. Diese Anpassungen können dazu beitragen, dass Belastungen länger bewältigt werden können und weniger erschöpfend erlebt werden.

  1. Bewegung kann den Teufelskreis aus Fatigue und Inaktivität unterbrechen

Wer erschöpft ist, bewegt sich häufig weniger. Dadurch sinken Kondition und Muskelkraft. Schon kleine Belastungen beanspruchen dann einen größeren Teil der verfügbaren Leistungsreserve und fühlen sich zunehmend anstrengend an. Diese Erfahrung kann wiederum dazu führen, dass weitere Aktivitäten vermieden werden. Ein behutsam aufgebautes Training kann diesen Kreislauf unterbrechen.

  1. Die Muskulatur arbeitet ökonomischer

Durch regelmäßiges Training kann die Muskulatur eine bestimmte Bewegung mit geringerem relativen Aufwand ausführen. Ausdauertraining verbessert vor allem die Fähigkeit, Belastungen über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Krafttraining erhöht dagegen die verfügbare Maximalkraft.

Hat ein Mensch beispielsweise mehr Beinkraft, benötigt er beim Aufstehen, Treppensteigen oder Gehen einen kleineren Anteil seiner maximalen Muskelkraft. Das kann alltägliche Bewegungen effizienter machen und die körperliche Ermüdung hinauszögern. Deshalb ist die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining physiologisch besonders sinnvoll. Leitlinien empfehlen entsprechend überwachte Programme, die moderates progressives Krafttraining und aerobes Training miteinander verbinden.

  1. Bewegung beeinflusst die psychische Gesundheit

Regelmäßige körperliche Aktivität kann psychische Gesundheit, Schlaf, Selbstwirksamkeit und allgemeines Wohlbefinden verbessern. Gerade weil Fatigue durch körperliche, neurologische, emotionale und verhaltensbezogene Faktoren beeinflusst wird, könnten diese indirekten Wirkungen einen wichtigen Teil des Trainingseffekts erklären.

Wie viel Training ist sinnvoll?

Als mögliche Orientierung für Menschen mit leichter bis mittelgradiger Einschränkung gelten:

  • zweimal wöchentlich 10 bis 30 Minuten moderates Ausdauertraining,
  • zweimal wöchentlich Krafttraining der großen Muskelgruppen,
  • alternativ beziehungsweise ergänzend insgesamt etwa 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche, sofern dies individuell erreichbar und verträglich ist.

Geeignete Ausdaueraktivitäten können beispielsweise sein:

  • zügiges Gehen oder Nordic Walking,
  • Radfahren oder Training auf dem Fahrradergometer,
  • Schwimmen oder Aquatraining,
  • Crosstrainer,
  • angepasstes Laufbandtraining,
  • sitzendes Ausdauertraining bei eingeschränkter Gehfähigkeit.

„Moderat“ bedeutet in der Regel, dass die Atmung beschleunigt ist, ein Gespräch in kurzen Sätzen aber noch möglich bleibt. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Sportart, sondern eine Belastungsform, die sicher ist, Freude bereitet und langfristig durchgeführt werden kann.

Praktische Tipps bei Fatigue

  • Klein anfangen: Schon kurze Einheiten können sinnvoll sein. Wer 20 Minuten am Stück nicht schafft, kann beispielsweise zweimal zehn Minuten trainieren. Die Dauer und Intensität sollten langsam gesteigert werden.
  • Die richtige Tageszeit nutzen: Viele Menschen mit MS kennen Zeiten, in denen ihre Energie besser ist. Das Training kann gezielt in diese leistungsfähigeren Zeitfenster gelegt werden.
  • Überwärmung vermeiden: Wenn Wärme die Symptome vorübergehend verstärkt, können eine kühle Umgebung, atmungsaktive Kleidung, ausreichend Flüssigkeit, Pausen oder Training im Wasser helfen. Hitze kann MS-bedingte Fatigue verstärken.
  • Nicht bis zur völligen Erschöpfung trainieren: Ein gutes Training setzt einen Reiz, führt aber nicht zwangsläufig zur maximalen Ausbelastung. Die Erholung sollte so geplant werden, dass der übrige Alltag weiterhin bewältigt werden kann.

Veränderungen dokumentieren

Ein einfaches Trainingstagebuch kann helfen. Festgehalten werden können:

  • Art und Dauer des Trainings,
  • subjektive Anstrengung,
  • Fatigue direkt nach dem Training,
  • Fatigue einige Stunden später und am Folgetag,
  • Schlafqualität,
  • mögliche Auslöser wie Hitze oder Stress.

Damit lässt sich besser erkennen, welche Belastungsdosis guttut.

Fazit: Bewegung verbraucht nicht nur Energie, sie schafft auch Leistungsreserven

Für Menschen mit Fatigue klingt die Empfehlung, sich mehr zu bewegen, zunächst widersprüchlich. Wissenschaftlich betrachtet ist sie jedoch gut begründbar: Regelmäßiges Ausdauertraining kann die körperliche Leistungsreserve vergrößern, die Muskulatur ökonomischer arbeiten lassen und dazu beitragen, dass alltägliche Belastungen weniger anstrengend sind. Auch Krafttraining kann die Fatigue reduzieren und die Bewegungseffizienz verbessern.

Eine verbesserte Sauerstoffaufnahme und -verwertung ist dabei ein plausibler Baustein, aber nicht die einzige Erklärung. Fatigue ist komplex, und ebenso vielfältig sind die möglichen Wirkungen von Bewegung. Herz-Kreislauf-Anpassungen, Muskelkraft, Schlaf, Stimmung, Selbstwirksamkeit und eine zunehmende Aktivität im Alltag dürften gemeinsam zum positiven Effekt beitragen.

Das Ziel ist nicht, Fatigue „wegzutrainieren“ oder persönliche Grenzen zu ignorieren. Es geht darum, durch ein individuell angepasstes Training zusätzliche Reserven aufzubauen, die Erschöpfung möglichst hinauszuzögern und mehr Teilhabe am Alltag zu ermöglichen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei neuer oder zunehmender Fatigue sollten behandelbare Begleitursachen ärztlich ausgeschlossen werden. Ein Trainingsprogramm sollte besonders bei stärkeren Einschränkungen individuell mit medizinischen oder therapeutischen Fachpersonen abgestimmt werden.

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„Lockeres Ausdauertraining bei Fatigue“ im Stehen oder Sitzen

Dieses Video wurde speziell so gestaltet, dass die Übungen bequem im Stehen oder Sitzen durchgeführt werden können. Dadurch eignet es sich besonders für Menschen mit MS, die ein sicheres, alltagstaugliches und gut umsetzbares Training suchen.

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Unser Tipp: Schauen Sie regelmäßig auf dem Campus der DMSG Hessen vorbei und entdecken Sie weitere Bewegungsvideos zu wichtigen Themen. Gemeinsam bleiben wir in Bewegung!


Unser nächster Blogbeitrag erscheint am 05.11.2026!
Bis dahin wünsche ich euch viel Spaß mit unseren Videos  :-) Eure Nadine

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Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von KI geschrieben.